Warum glauben wir, dass die Medien einen größeren Einfluss auf „andere“ als auf „uns selbst“ haben?

In diesem Blogbeitrag gehen wir der Frage nach, warum Menschen glauben, dass der Einfluss der Medien auf andere größer ist als auf sie selbst, und welche Auswirkungen diese Wahrnehmung auf die Gesellschaft hat.

 

Während des Zweiten Weltkriegs, in einer Schlacht im Pazifik, sendete das japanische Militär eine Botschaft an afroamerikanische Soldaten der US-Armee, in der es sie zur Kapitulation aufforderte, da es angeblich nicht die Absicht habe, gegen Farbige zu kämpfen. Als weiße Offiziere diese Propaganda sahen, befürchteten sie deren mögliche Wirkung auf die schwarzen Soldaten und zogen ihre Einheiten daraufhin eilig zurück. Obwohl dieser Vorfall wie ein einfaches Beispiel psychologischer Kriegsführung erscheinen mag, zog der Soziologe Phillips Davison daraus eine wichtige Erkenntnis. Basierend auf diesem Fall entwickelte er eine Theorie über den Einfluss der Massenmedien auf ihr Publikum: die Theorie des Drittpersoneneffekts.
Der Kern dieser Theorie liegt in der Tatsache, dass Menschen den Einfluss der Massenmedien unterschiedlich wahrnehmen. Konkret neigen sie dazu, anzunehmen, dass der Einfluss der Massenmedien auf die Meinungen und das Verhalten anderer größer ist als auf sie selbst. Nehmen wir beispielsweise an, Sie lesen während eines Wahlkampfs einen Zeitungsbericht, in dem ein Kandidat der Steuerhinterziehung verdächtigt wird. In diesem Fall gehen die Leser davon aus, dass andere Leser bei ihrer Kandidatenwahl stärker beeinflusst werden als sie selbst. Phillips Davison nannte dieses Phänomen den „Drittpersoneneffekt“.
Die Intensität des Drittpersoneneffekts variiert je nach Art der von den Massenmedien vermittelten Inhalte. Beispielsweise nehmen Menschen bei der Verbreitung schädlicher Inhalte wie Gewalt oder Pornografie deren Einfluss auf andere als auf sich selbst als größer wahr als bei gesellschaftlich erwünschten Inhalten wie Gesundheitskampagnen. Diese Wahrnehmung beeinflusst auch das Verhalten des Publikums: Personen, die einen stärkeren Drittpersoneneffekt erleben, neigen eher dazu, rechtliche und institutionelle Maßnahmen wie Inhaltskontrolle, Zensur und Regulierung zu befürworten.
Dieses psychologische Phänomen geht über bloße Wahrnehmungsunterschiede hinaus. Werden beispielsweise negative Berichte über eine bestimmte Gruppe wiederholt in den Massenmedien verbreitet, entsteht bei den Menschen die Annahme, dass sie selbst zwar nicht davon beeinflusst werden, andere aber schon. Diese Annahme verstärkt letztlich negative Vorurteile gegenüber dieser Gruppe und kann soziale Konflikte verschärfen. Dies verdeutlicht die bedeutende Rolle der Medien bei der Meinungsbildung und zeigt anschaulich, warum der Drittpersoneneffekt so wichtig ist.
Traditionell untersucht die Medienforschung die Reaktionen des Publikums auf Medieninhalte – also Veränderungen in Einstellungen und Verhaltensweisen. Die Theorie des Drittpersoneneffekts hingegen ist wertvoll, da sie nicht den Einfluss der Medien selbst untersucht, sondern vielmehr die diskriminierenden Wahrnehmungen der Menschen und die daraus resultierenden Verhaltensmuster. Insbesondere zeigt sie, dass die Besorgnis über den Einfluss sozial schädlicher Inhalte im Vergleich zur Realität möglicherweise übertrieben war. Sie liefert zudem Einblicke in die Denkweise derjenigen, die Zensur und Regulierungsmaßnahmen befürworten.
Im Laufe der Zeit wurde diese Theorie erweitert und ihre Bedeutung für die Meinungsbildung in der Öffentlichkeit anerkannt. Verbunden mit der Theorie, dass Menschen von der vermeintlichen Mehrheitsmeinung beeinflusst werden können, wird auch die Theorie des Drittpersoneneffekts zur Erklärung der Meinungsbildung herangezogen. Laut dieser Erklärung glauben Menschen zwar, nicht leicht von Massenmedien beeinflusst zu werden, doch bestimmen sie ihre eigenen Einstellungen und Verhaltensweisen danach, wie andere beeinflusst werden könnten. Anders ausgedrückt: Aus Angst vor Ausgrenzung und Isolation geben sie ihre eigenen Meinungen auf und folgen der vermeintlichen Mehrheitsmeinung.
Darüber hinaus hat diese Theorie die Diskussionen um Medienkompetenz in der modernen Gesellschaft beeinflusst. Angesichts der Informationsflut ist es heute besonders wichtig zu verstehen, welche Wahrnehmungen Menschen hinsichtlich ihrer eigenen und der Medienrezeption anderer haben und wie diese Wahrnehmungen den gesellschaftlichen Diskurs prägen. Daher ist die Theorie des Drittpersoneneffekts nicht nur eine Erklärungsmöglichkeit für vergangene Phänomene, sondern bleibt ein zentrales theoretisches Rahmenwerk im Medienumfeld der Gegenwart und Zukunft.

 

Über die Autorin

Schriftsteller

Ich bin ein „Katzendetektiv“ und helfe dabei, verlorene Katzen wieder mit ihren Familien zusammenzuführen.
Ich tanke neue Energie bei einer Tasse Café Latte, gehe gerne spazieren und reisen und erweitere meine Gedanken durch das Schreiben. Indem ich die Welt aufmerksam beobachte und meiner intellektuellen Neugier als Blog-Autorin folge, hoffe ich, dass meine Worte anderen helfen und Trost spenden können.